"Wir brauchen eine neue Klassenpolitik"

  Montag, 30. Juli 2018
Klaus Dörre

Der Soziologe Klaus Dörre plädiert für eine Mosaik-Linke, die Projekte vorantreibt, die an der Lebenswirklichkeit der Menschen ansetzen. 

 

Ein Interview mit Klaus Dörre: 

Die Vermögensungleichheit in Deutschland nimmt zu, prekäre Arbeit ist auf dem Vormarsch und trotzdem profitiert vor allem die neoliberale AfD vom Unmut der Bürgerinnen und Bürger. Was läuft da falsch?

Die meisten Menschen sind davon überzeugt, dass man an den grundlegenden Ungleichheiten nichts ändern kann. Je ohnmächtiger man sich fühlt, desto wahrscheinlicher ist, dass man auf Botschaften hört, die den Verteilungskampf zwischen oben und unten in einen Kampf zwischen Innen und Außen umdeuten, also zwischen Migranten und einem als homogen imaginierten deutschen Volk.  

Müssen die Parteien des linken Spektrums also eine radikalere, aber gleichzeitig umsetzbare und glaubwürdige Umverteilungspolitik auf ihre Agenda setzen? Wie in den neoliberalen Musterstaaten USA und Großbritannien, wo es den linken Politikern Bernie Sanders und Jeremy Corbyn gelungen ist, eine radikale Kapitalismuskritik bis weit in den Mainstream hineinzutragen?

Es geht nicht nur um Radikalität. Die äußerste Rechte stellt auch die Systemfrage. Auch viele Bürgerinnen und Bürger sagen: „Mit dem System stimmt was nicht“. Das ist von Sanders aufgegriffen worden, der im Wahlkampf immer wieder betonte, er sei ein „Democratic Socialist“. Genauso gut hätte er sagen können: „Ich komme direkt aus der Hölle“. Das hätte in den USA den gleichen Provokationsgehalt. Doch was passierte: Immer mehr junge Menschen googelten diesen „Democratic Socialism“ und konnten sich, verbunden mit dem Versprechen einer freien Bildung, für die Idee begeistern. Es war plötzlich attraktiv, eine grundlegende Alternative zu versprechen. Bei Corbyn war es ähnlich.

Sind diese Politikansätze und das Vorgehen der beiden Charismatiker auch auf  die Bundesrepublik übertragbar?

Wenn man, so wie ich hier in Jena, auf den Trümmern des staatsbürokratischen Sozialismus sitzt, dann weiß man, dass es nicht damit getan ist, einfach wieder über den Sozialismus zu sprechen. Ich glaube aber, dass man diesen Begriff mit neuem Leben füllen muss. Grüne, SPD und Linkspartei erscheinen aus unterschiedlichsten Gründen vielen Wählern nicht mehr als Option, weder um ihren Protest auszudrücken noch als wirkliche Alternative.

Kann man in den alten Parteiformen weitermachen? Braucht es da nicht eine Bewegung a la Podemos oder eine Neugründung wie La France insoumise?

Was man als allererstes braucht, ist das, was Hans-Jürgen Urban mal als Mosaik-Linke bezeichnet hat. Also ein Zusammenwirken unterschiedlicher linker Strömungen, die ihre eigene Identität und ihre Unterschiede nicht aufgeben dürfen. Die lernen müssen so miteinander zu kommunizieren, dass es die Linke insgesamt stärkt und dass eine Grundrichtung der Veränderung sichtbar wird. Wir brauchen Projekte, die an der Lebenswirklichkeit ansetzen und die deutlich machen, dass die Linke wirklich etwas verändern will. Das kann ich in Deutschland aber nicht erkennen.

Welche Projekte könnte eine solche Mosaik-Linke denn vorantreiben?

Wir brauchen eine neue Klassenpolitik. Konkret denke ich hier an die Produktivitätsgewinne durch die Digitalisierung. In diesem Kontext müssten wir wieder über Arbeitszeitverkürzung reden. Kurze Vollzeit für alle, wie sie die IG Metall in der letzten Tarifrunde ins Spiel gebracht hat. Das ist so ein Beispiel für Klassenpolitik, die man machen müsste. Weil die Arbeitszeit verklammert ist mit anderen gesellschaftlichen Konfliktlinien, wie etwa der Sorgearbeit. Im Zusammenhang mit der Digitalisierung und dem technischen Fortschritt muss die Linke auch Lösungen anbieten, wie die zu erwartenden Arbeitsplatzverluste verhindert oder abgefedert werden können. Dazu gehört auch, Konzepte zu entwickeln, mit denen man die Digitalisierungsrendite der Konzerne abschöpfen kann. Wir müssen über Wirtschaftsdemokratie reden. Dann die Frage der Umverteilung, die sich nicht nur in Deutschland stellt, sondern auch in Europa und der Welt. Wir müssen umverteilen - von oben nach unten, von den Stärksten zu den Schwächsten, vom Zentrum zur Peripherie. Wir brauchen eine glaubwürdige Migrationspolitik. Und das sind nur einige von vielen Projekten, die auf die Agenda der Linken gehören.

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